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Die Welt (18.02.2006): Eigenvermarktung wie ein Buchhalter
Überzeugen statt überreden - Vertriebler sind Verkaufsprofis, nur nicht bei sich selbst
von Deike Uhtenwoldt
Vertriebsleiter, Account Manager, Verkaufsberater: Es sind nicht die
Lebensläufe von Einsteigern, die über Christopher Funks Tisch gehen.
Aber gerade bei ihnen vermißt der Personalberater die Fähigkeit, sich
gut zu verkaufen: "Über 50 Prozent mangelhaft", so das Urteil über rund
7000 Lebensläufe, die dem Geschäftsführer der auf Vertriebspositionen
spezialisierten Xenagos GmbH im letzten Jahr präsentiert wurden. Auf
wie viele Termine brachte es der Vertriebsbeauftragte in der Woche,
welche Ziele und Umsatzsteigerung hat der Vertriebsleiter in welchem
Zeitraum erreicht, sind die Angaben, die der Personalvermittler
erwartet hätte. Statt dessen werde die Einführung einer neuen Software
hervorgehoben oder buchhalterisch jede Vertriebsstation aufgeführt:
"Die eigentlichen Verkaufserfolge bleiben unerwähnt."
Wenn sich die Vertriebsprofis schon nicht selbst verkaufen können, wie
dann fremde Dienstleistungen oder Produkte, möchte man fragen, aber
Christopher Funk will nicht in diese Kerbe hauen: "Wenn die alle vier
oder fünf Jahre den Job wechseln, haben sie die Eigenvermarktung zu
wenig geübt und machen sich darüber zu wenig Gedanken." Der frühere
Jobpilot-Manager liest dann zwischen den Zeilen, fragt nach und
konstatiert: "Darunter sind durchaus gute Leute."
Gute Leute sind Vertriebler, die sich die Perspektive und Probleme des
Kunden zu eigen machen, die Fragen stellen und zuhören können, die
überzeugen statt zu überreden. "Den angeblich typischen Verkäufer,
braungebrannt und im schnellen Auto, den findet man kaum noch", sagt
Sales Recruiter Funk. Aber dieser Typus bestimmt nach wie vor das Image
der Branche und auch die Umfrageergebnisse: Die Schweizer
Unternehmensberatung Infoteam hat im letzten Jahr 120 Firmen im
Business-to-Business-Geschäft über ihre Vertriebsstrukturen und
Einstellungskriterien befragt. Diesen Ergebnissen wurde anschließend
die Sicht der Kunden gegenübergestellt - und deutliche Diskrepanzen
ausgemacht: Während bei den Abnehmern die Fachkompetenz der Verkäufer
an erster Stelle steht, achten die Anbieter bei der Rekrutierung neuer
Vertriebsmitarbeiter vor allem auf soziale Kompetenz und kommunikative
Fähigkeiten. Das Resultat: 89 Prozent der Kunden fühlten sich bereits
im Erstgespräch unverstanden.
Wolfgang M. Nitsche, Präsident im Bundesverband Deutscher Verkaufs-
& Vertriebskräfte BDV e.V. teilt zwar die Schelte über die
deutschen Verkäufer, aber seine Kritik kommt genau aus der anderen
Richtung: "Verkaufen, das ist kein Job, das ist eine Berufung." 1,65
Millionen Verkaufs- und Vertriebsleute, zählt der Verband in
Deutschland, ohne den Einzelhandel. Aber die Mehrheit sei mangelhaft
qualifiziert: "Wir brauchen sprachgewandte Persönlichkeiten, die sicher
auftreten, auf das Wohlwollen des anderen achten und stolz auf ihr
Produkt sind."
Doch weder die pauschale Verurteilung noch die Gegenüberstellung
kommunikativer Fähigkeiten versus Fachkompetenz wollen die
Personalverantwortlichen so stehen lassen: "Der typischen Verkäufer von
heute ist ein guter Planer mit sozialer Intelligenz", sagt Willi Hardt von der Converitas Managementberatung in Hamburg.
Kommunikationsstärke werde von den Kunden als selbstverständlich
vorausgesetzt, erklärt der Personalberater die Infoteam Ergebnisse. Und
es kommt ganz auf die Position und die Aufgabe des Mitarbeiters an,
welche Kompetenz im Vordergrund stehen sollte: "Ich brauche eher den
Beziehungsmanager als den Fachmann", sagt Ayse Gül, Personalleiterin
der Sage Software GmbH. Das Frankfurter Softwarehaus arbeitet mit
zertifizierten Handelspartnern zusammen, die von den Sage Account
Managern betreut werden: "Wenn beide Partner nicht an einem Strang
ziehen, nützt das beste Fachwissen nichts. Die Chemie muß stimmen."
Vertrieb ist eben nicht gleich Vertrieb: "Es gibt ganz unterschiedliche
Strukturen, Kanäle und Anforderungsprofile", sagt Ilka
Schulte-Rebbelmund, HR-Consultant bei E-Plus.
Der Mobilfunkanbieter beschäftigt rund 900 Vertriebsmitarbeiter.
Während die Privatkunden eher über die Shops und den Handelsvertrieb
angesprochen werden, kümmert sich der Direktvertrieb um die
Geschäftskunden. Hierfür werden Bewerber ausgewählt, die sich durch
Verhandlungsgeschick, Durchsetzungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft
auszeichnen. Schwieriger sei der Job geworden, weil sich der Telekommunikationsmarkt
in einem Verdrängungswettbewerb befinde. Und auch sonst sind die Kunden
schwieriger zu bewegen, ihr Geld auszugeben. Um so wichtiger sind gute
Verkäufer für die Unternehmen: "In 2006 werden wir den Vertrieb
deutlich ausbauen", sagt Ilka Schulte-Rebbelmund.
Fünf Jahre bleiben die Vertriebler im Schnitt bei den Unternehmen. Der
Aufstieg vom Tele-Sales Mitarbeiter, der die Kunden am Telefon
akquiriert zum Key Accounter und dann zum Teamleiter geht oft rasant.
Und auch die Gehaltsspirale ist nach oben offen: In der Regel ist immer
ein Teil des Gehaltes variabel, bei den Key Account Managern der Sage
GmbH beispielsweise 45 Prozent: "Wer gut ist, kommt auf ein
Jahresgehalt von 85 000 Euro", sagt Personalchefin Gül. Führungskräfte
erreichen auch 300 000 Euro, weiß Christopher Funk. Motivationsanreize
bieten zusätzlich die regelmäßigen Meetings und Rankings bei denen die
Top-Performer besonders herausgehoben werden. "Unmenschlich", findet
das Verbandssprecher Nitsche. "Wer auf den untersten Plätzen landet
kann doch gleich den Hut nehmen." Personaler Hardt hält die Ranglisten
für ein großes Druckmittel, bei dem es nicht immer ganz gerecht zugehe:
"50 Prozent des Erfolges hängt doch davon ab, wie sehr ein
Vertriebsmitarbeiter sich die besten Gebiete sichern kann."
Willi Hardts Gegenvorschlag: Der Typ "Jäger", der im Neukundengeschäft
tätig sei, solle auch noch ein paar Jahre weiter an den von ihm
gewonnen Kunden, die dann von den "Farmern", den Key Account Managern
betreut werden, beteiligt bleiben. "Das fördert den Teamgedanken und
sichert den Kundenbestand." Alles unter einer Vertriebsleitung, die
arbeitsteilige Prozesse definiere und leistungsgerecht unterstütze: "Es
ist eine Führungsaufgabe, die Erbhöfe gerecht zu verteilen."
Artikel erschienen am Sa, 18. Februar 2006 http://www.welt.de/data/2006/02/18/847224.html
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